Lernen
Eine Beobachtung zur Bildung in Zeiten schwindender Orientierung
Wir sprechen derzeit viel über wirtschaftliche Unsicherheit, Fachkräftemangel und eine zunehmende Orientierungslosigkeit, gesellschaftlich wie individuell. Was dabei erstaunlich selten in den Blick gerät, ist das System, das all das vorbereiten soll: Bildung. Lernen und Lehre sind keine isolierten Bereiche, sie stehen in einem engen Zusammenhang mit unserer Vorstellung von Arbeit, Wertschöpfung und Zukunft. Und genau diese Paradigmen beginnen sich sichtbar aufzulösen.
Ein System aus einer anderen Zeit
Blickt man auf das deutsche Schulsystem, drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wie zeitgemäß ist es eigentlich noch? Viele seiner Strukturen stammen aus einer Epoche, in der Ordnung, Disziplin und Gleichschritt zentrale gesellschaftliche Werte waren. Frontalunterricht, streng getaktete Unterrichtseinheiten, Klingeln als Start- und Endsignal, kasernenartig organisierte Gebäude. All das erinnert weniger an ein kreatives Lernumfeld als an militärisch-industrielle Logiken.
Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine historische Feststellung. Dieses System hatte einst eine klare Funktion. Die Frage ist nur, ob es heute noch geeignet ist, junge Menschen auf eine komplexe, unsichere und sich rasant wandelnde Zukunft vorzubereiten.
Was dabei oft unterschätzt wird, sind die sozialen Nebenwirkungen dieses Systems. Eine erfolgreiche Schullaufbahn hängt in hohem Maße vom Zufall ab. Vom Elternhaus, vom sozialen Umfeld, von der Qualität der konkreten Schule und von den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern. Kein Kind kann beeinflussen, in welche dieser Konstellationen es hineingeboren wird. Gleichzeitig erzeugt das System durch frühen Leistungsdruck, Noten, Vergleich und Selektion häufig Frustration statt Neugier. Lernen wird von etwas ursprünglich Lebendigem zu etwas, das bewertet, kontrolliert und sanktioniert wird.
Hinzu kommen Erfahrungen, die viele Menschen als „Schulnarben“ mit sich tragen. Abwertende Zuschreibungen, Ausgrenzung, Mobbing oder liebloses pädagogisches Handeln können das Selbstbild nachhaltig prägen. Die frühe Selektion verstärkt dies zusätzlich, indem Kinder sehr früh als „geeignet“ oder „nicht geeignet“ eingeordnet werden, obwohl menschliche Entwicklung hochgradig veränderbar ist. Schule trägt hier eine besondere Verantwortung, weil sie Kinder systematisch prägt, weil sie Macht ausübt und weil bürokratische Strukturen oft schwerer wiegen als individuelle Bedürfnisse nach Beziehung, Sicherheit und gesehen werden.
Ein persönlicher Kontrapunkt
Trotz dieser Kritik bin ich selbst immer gerne zur Schule gegangen. Das lag weniger am System als an den Menschen darin. Ich hatte großes Glück mit meinen Lehrerinnen und Lehrern, in der Grundschule wie später in der weiterführenden Schule. Sie haben Schule für mich zu einem sozialen Ort gemacht, an dem Neugier, Austausch und Beziehung möglich waren.
Meine eigene Schulbiografie war zudem von Brüchen geprägt: Grundschule in Kamen, dann Wechsel auf die Deutsche Schule in Santa Cruz de Tenerife, schließlich zurück nach Deutschland in der siebten Klasse nach Essen. Sozial war das herausfordernd und doch war Schule für mich nie ein reiner Wohlfühlort, sondern ein Raum, in dem ich mich mit anderen und mit mir selbst auseinandergesetzt habe. Lernen funktionierte für mich vor allem dort, wo es Bedeutung bekam.
Eine prägende Lernerfahrung
Eine dieser Erfahrungen hat sich mir besonders eingeprägt. Anfang der 1990er Jahre nahm ich mit meinem Englisch-Leistungskurs an einem Europaseminar teil, gemeinsam mit Klassen aus Belgien und den Niederlanden. Wir arbeiteten in einem seminarartigen Setting, bereiteten Inhalte vor, debattierten, übernahmen Rollen, eine Art gelebtes europäisches Parlament.
Diese Erfahrung war in mehrfacher Hinsicht prägend. Zum einen inhaltlich: Lernen wurde hier zu etwas Aktiven, Dialogischen, Sinnhaften. Zum anderen identitätsstiftend: Ich ging aus diesem Seminar mit einem tiefen Gefühl heraus, Europäer zu sein. Lernen hatte plötzlich Konsequenzen: emotional, politisch, persönlich.
Perspektive aus der Lehre
Später, als Professor an einer Designhochschule, konnte ich über mehrere Jahre hinweg beobachten, wie junge Menschen in Lernprozesse eintreten und wo sie scheitern. Viele Studierende beginnen ihr Studium zu früh. Nicht aus mangelnder Motivation, sondern aus strukturellem Druck heraus. Nach zwölf oder dreizehn Jahren Schule folgt fast nahtlos die nächste große Entscheidung: das Studium. Oft ohne wirkliche Distanz, ohne Zeit zur Orientierung.
In Auswahlverfahren, Prüfungen und im Studienalltag wurde immer wieder deutlich: Viele wissen noch gar nicht, wer sie sind oder was sie wollen, müssen sich aber bereits spezialisieren. Studium wird zur Verlängerung der Schule, nicht zu einem bewussten Schritt in eine neue Phase.
Die fehlende Pufferzone
Was zwischen Schule und Studium fehlt, ist ein gesellschaftlich akzeptierter Zwischenraum. Eine Phase, in der junge Menschen andere Perspektiven auf die Welt einnehmen können als die des Schülers oder der Schülerin. Soziale Arbeit, Pflege, gemeinnützige Tätigkeiten, politische oder lokale Beteiligung, Ehrenamt. All das wären mögliche Erfahrungsräume.
Nicht als Pflicht, sondern als Option. Als legitime Verlangsamung in einer Kultur, die permanent auf Beschleunigung setzt. Vielleicht würde genau hier Orientierung entstehen. Nicht durch mehr Information, sondern durch Erfahrung.
Lernen für eine unbekannte Zukunft
Die grundlegendere Frage bleibt jedoch: Bereitet unser Bildungssystem überhaupt auf das vor, was kommt? Schule vermittelt viel Wissen über Vergangenheit und Gegenwart. Über Zukunft hingegen wird erstaunlich wenig gesprochen. Wie wird Arbeit aussehen? Welche Fähigkeiten werden relevant sein? Wie gehen wir mit Unsicherheit um?
Statt früher Spezialisierung bräuchte es mehr Raum für Exploration. Statt starrer Fächerlogik mehr bereichsübergreifendes Denken. Und vor allem: eine konsequente Förderung intrinsischer Motivation. Lernen funktioniert dann nachhaltig, wenn Menschen verstehen, warum sie etwas lernen und nicht nur, dass sie es müssen.
Prozesse statt Inhalte
In vielen Bereichen der heutigen Arbeitswelt ist längst klar: Neue Lösungen entstehen iterativ, im Austausch, durch Ausprobieren und Scheitern. Genau diese Prozesse müssten viel stärker Teil von Bildung werden. Kritisches Denken, Gestaltungskompetenz, Kollaboration und Selbstreflexion sind keine „Soft Skills“, sondern zentrale Zukunftsfähigkeiten.
Künstliche Intelligenz als Bildungsaufgabe
Hinzu kommt die technologische Entwicklung. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Arbeit, sondern auch Lernen selbst. Die Antwort darauf kann nicht Abschottung sein. Bildung muss befähigen, souverän mit maschineller Intelligenz umzugehen, sie zu nutzen, zu hinterfragen und sinnvoll in Lernprozesse zu integrieren.