Komplexität
In Transformationsprojekten, Veränderungsstrategien und Beratungsprozessen begegnet mir zunehmend ein vertrautes Muster. Texte, Gedanken und Modelle werden nicht hinterfragt, sondern abgewehrt. Die Rückmeldung lautet oft, das sei zu kompliziert, nicht verständlich oder zu abstrakt. Diese Reaktion nehme ich ernst. Ich überprüfe Sprache, Struktur und Begriffe. Ich reduziere Fremdwörter, vermeide Schlagwortkaskaden und erkläre Zusammenhänge so präzise wie möglich.
Und dennoch bleibt ein Rest. Der Eindruck, dass es nicht nur um Verständlichkeit geht, sondern um Bereitschaft.
Immer häufiger scheint bereits vor dem Lesen entschieden zu sein, dass bestimmte Inhalte nicht zugänglich sein sollen. Als gäbe es Themen, bei denen man sich innerlich schließt, weil sie Denken erfordern. Weil sie Unsicherheit erzeugen. Weil sie keine schnellen Gewissheiten liefern. Nicht alles sofort zu verstehen wird dabei nicht als normaler Teil eines Lernprozesses betrachtet, sondern als Zumutung.
Dabei liegt genau hier der Kern von Transformation. Veränderung bedeutet nicht, dass alles klar ist, bevor man losgeht. Sie beginnt dort, wo Verständnislücken auftauchen, wo Begriffe noch unscharf sind, wo Zusammenhänge erst im Prozess sichtbar werden. Lernfähigkeit zeigt sich nicht darin, alles sofort zu durchdringen, sondern darin, mit vorläufigem Nichtwissen weiterzugehen.
In Organisationen wird Kommunikation gerne als Grundlage guter Zusammenarbeit beschworen. In der Praxis zeigt sich jedoch oft ein anderes Bild. Zugehört wird bevorzugt dort, wo Bekanntes bestätigt wird. Wo Inhalte anschlussfähig sind an bestehende Überzeugungen. Wo Komplexität reduziert wird, bis sie harmlos ist. Herausfordernde Gedanken stoßen hingegen schnell auf Ablehnung, nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie anstrengend sind.
Das irritiert, denn der Umgang mit anspruchsvollen Inhalten war lange eine selbstverständliche Kulturtechnik. Schule und Universität waren Orte, an denen man lernte, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die man zunächst nicht verstand. Unklarheit auszuhalten. Widersprüche zu denken. Ohne sofortige Lösung weiterzufragen. Heute scheint diese Übung vielfach verloren gegangen zu sein.
Stattdessen wird jedes Nichtverstehen sofort externalisiert. Man googelt, man sucht nach Abkürzungen oder man steigt aus. Was dabei verloren geht, ist die Fähigkeit, Unwissenheit kreativ zu überbrücken. Genau dort entsteht jedoch neues Denken. Nicht im schnellen Zugriff auf Antworten, sondern im produktiven Umgang mit Unsicherheit.
Dieser Punkt ist zentral für HumanOS. Transformation braucht keine vollständige Klarheit, sondern die Bereitschaft, sich auf Prozesse einzulassen, deren Ergebnis offen ist. Lernen heißt nicht, Sicherheit zu konsumieren, sondern Irritation zuzulassen. Wer darauf verzichtet, entscheidet sich unbewusst gegen Entwicklung.
Komplexität verschwindet nicht, weil man sie ignoriert. Sie wirkt weiter, nur ohne bewusste Gestaltung. Die Frage ist daher nicht, ob Inhalte zu kompliziert sind. Die Frage ist, ob wir noch bereit sind, uns auf das Denken einzulassen, das Zukunft erfordert.